Selbstmord und Kriminalität: „Gesetzliche Inobhutnahme“ steigert Risiko für Kinder

Schwedische Kinder und Jugendliche, die per Gerichtsbeschluss außerhalb ihres Elternhauses untergebracht sind, haben ein erhöhtes Risiko für Selbstmord, psychische Erkrankungen und Kriminalität. Dies geht aus einer Studie von Ronja Helénsdotter von der Universität Göteborg hervor.
Gesetzliche Inobhutnahme der Kinder steigert Risiko für Selbstmord und Kriminalität
In Deutschland befinden sich nach aktuellem Stand 66.444 Kinder und Jugendliche in außerelterlicher Obhut.Foto: tatyana_tomsickova/iStock
Von 22. Juli 2024

Eine besonders gefährdete Gruppe in der Gesellschaft sind junge Menschen, die unter dem Verdacht der Kindeswohlgefährdung stehen. Diese Kinder und Jugendliche haben oft deutlich schlechtere schulische Ergebnisse und ein höheres Risiko, im Erwachsenenalter destruktive Verhaltensweisen zu entwickeln.

Untersuchungen aus mehreren westlichen Ländern belegen, dass zwischen zwei und sechs Prozent aller Kinder mindestens einmal außerhalb des Elternhauses untergebracht werden, bevor sie 18 Jahre alt werden. In Deutschland betraf dies 2022 insgesamt 66.444 Kinder und Jugendliche – laut Statistischem Bundesamt ein Plus von 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Neuere Zahlen liegen derzeit nicht vor. Gemessen an der Gesamtzahl der unter 18-Jährigen (14,3 Millionen) macht dies knapp 0,5 Prozent der Bevölkerung aus.

Die schwedische Wirtschaftswissenschaftlerin Ronja Helénsdotter hat kürzlich in ihrer Arbeit die Folgen des gerichtlich angeordneten Kindesentzuges in ihrem Heimatland untersucht. Dabei stellte Helénsdotter fest, dass die Unterbringung außerhalb des Elternhauses ungeahnte negative Einflüsse auf die Seele der jungen Menschen haben kann.

Suizidgefahr steigt um mehrere hundert Prozent

Für ihre Forschung legte Helénsdotter eine eigene Datenbank an und fütterte diese mit über 20.000 Kinderschutzurteilen aus den Jahren 2001 bis 2019. Im Anschluss untersuchte die Forscherin ihre gesammelten Daten und schaute, welche Kinder inzwischen verstorben waren – beispielsweise an Selbstmord oder einer Überdosis Drogen. Zudem erfasste sie die Zahl der Krankenhausaufenthalte im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen und Drogenmissbrauch sowie das kriminelle Verhalten der jungen Menschen.

Besonders deutlich zeigte sich eine hohe Selbstmordzahl nach gerichtlich angeordneten Entzügen, bei denen die Unterbringung des Kindes außerhalb des Elternhauses umstritten war. So stieg das Risiko der Betroffenen, vor dem 20. Lebensjahr zu sterben, um mehrere hundert Prozent.

Darüber hinaus zeigten die Daten innerhalb des ersten Jahres nach dem Urteil ein erhöhtes Risiko für Krankenhausaufenthalte aufgrund psychischer Erkrankungen. Außerdem stieg das Risiko, dass die jungen Menschen vermehrt Straftaten wie Gewalt- und Sexualdelikte begingen.

„Hierfür gibt es viele mögliche Erklärungen: die emotionale Belastung durch die Wegnahme von zu Hause, Missbrauch in der neuen Umgebung und die Unterbrechung der laufenden Behandlungen. Es muss jedoch mehr getan werden, um zu verstehen, warum es manchen Kindern so schlecht geht“, erklärt Helénsdotter.

Kriminelle Bindung

Laut der Forscherin könnte ein Grund sein, dass sich zusammen in Heimen untergebrachte Kinder gegenseitig negativ beeinflussen. Typischerweise haben Jugendliche, die in Heimen untergebracht sind, oft einen Hang zu Drogen oder Kriminalität und ein weiterer großer Teil leidet an psychischen Erkrankungen.

Da in Heimen systematisch aufgezeichnet wird, wer wann mit wem zusammenlebt, konnte Helénsdotter untersuchen, ob es unter den Jugendlichen, die zwischen 2000 und 2020 in Heimen untergebracht wurden, negative Effekte durch Gleichaltrige gab. Das Ergebnis ist eindeutig: Es zeigte sich ein verstärkender Effekt bei Selbstverletzungen und Drogenmissbrauch. Diese bestanden auch nach der Entlassung der Jugendlichen aus der Einrichtung fort.

„Die Unterbringung von Jugendlichen mit einer Vorgeschichte von Selbstverletzungen zusammen mit einem höheren Anteil von Gleichaltrigen, die ebenfalls eine Vorgeschichte von Selbstverletzungen haben, erhöht das Risiko künftiger Todesfälle und Krankenhausaufenthalte enorm. Dasselbe gilt für die Unterbringung von Jugendlichen mit Drogenproblemen“, sagt Helénsdotter.

Diese Probleme treten zudem bereits während der Unterbringung auf, denn die Jugendlichen werden oft gleichzeitig aus demselben Grund ins Krankenhaus eingewiesen.

Kinder umfassend schützen

Eingriffe durch Jugendämter aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten oder Missbrauch und der Entzug des Erziehungsrechtes können das Leben der betroffenen Kinder verbessern – unter anderem, wenn Kinder dies wünschen. Gleichzeitig kann je nach Situation auch eine gerichtlich angeordnete Unterbringung negative Auswirkungen haben.

„Bei der Interpretation meiner Ergebnisse muss man jedoch vorsichtig sein. Gerichtlich angeordnete Betreuung muss nicht immer schlecht sein und sollte allgemein nicht vollkommen eingestellt werden. Es gibt Gründe, warum diese Kinder außerhalb des Elternhauses untergebracht sind. Aber wir müssen mehr tun, um sicherzustellen, dass diese Kinder die Sicherheit und Kindheit bekommen, die sie verdienen“, sagt Helénsdotter.

Die Sicherheit und Gesundheit eines Kindes beginnt indes bei den Eltern. „Die gegenwärtige Welt, in der wir unsere Kinder großziehen, ist eine sehr, sehr lieblose Welt geworden“, erklärt der renommierte Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther. Besonders die Eltern könnten mit einer freien und liebevollen Erziehung zu einer besseren und friedlicheren Welt beitragen.



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