Sanktionen können zu neuer Währungsordnung führen – US-Dollar in Gefahr

Die Reaktion des Westens auf die russische Invasion hat eine ganze Reihe von Entwicklungen in Gang gesetzt, die zu einem Ableben des US-Dollars als Weltreservewährung führen könnten – einschließlich der Wiederankopplung von Fiat-Währungen an Gold.
Goldbarren in unterschiedlicher Größe liegen bei einem Goldhändler in einem Tresor. Angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine, hat der Goldpreis seinen höchsten Stand seit Januar 2021 erreicht.
Goldbarren in unterschiedlicher Größe bei einem Goldhändler in einem Tresor.Foto: Sven Hoppe/dpa
Von 12. März 2022

Ob die Ausübung der an den Finanzmärkten als „Nuklearoption“ bezeichneten SWIFT-Sanktionen des Westens gegenüber Russland letzten Endes den gewünschten Erfolg verzeichnen wird, bleibt vorerst abzuwarten.

Vielmehr mehren sich die Indikationen in Hinblick auf einen enormen Schub, den der Prozess der De-Dollarisierung nun weltweit erfahren dürfte. So hatte beispielsweise Indien zuletzt angekündigt, einen eigenen Rupie-Mechanismus aus der Taufe heben zu wollen, um den bilateralen Handel mit der Russischen Föderation in der Zukunft unter Umgehung des US-Dollars abwickeln zu können.

Diese Entwicklungen sind Beobachtern an den globalen Finanzmärkten nicht verborgen geblieben, so dass hier und dort bereits über die Etablierung und Herausbildung einer neuen Weltwährungsordnung gemutmaßt wird.

Ein leises Sterben für das US-Dollar-System?

Dass der US-Dollar per se die wohl größte Achillesferse bietet, um den globalen Anspruch Washingtons mittels einer gezielten Aushöhlung des westlich dominierten Finanzsystems ins Wanken zu bringen, wird in diesen Tagen immer offensichtlicher.

Beobachtern an den Kapitalmärkten und ganzen Nationen ist seit geraumer Zeit nicht entgangen, dass die US-Regierung den US-Dollar auch in Form einer Waffe gegen jedermann zu richten scheint, der sich Forderungen entgegenstellt. Es ist eben jener Missbrauch, der dem US-Dollar-System einen leisen Tod auf Raten zu bescheren droht.

Aktuelle Diskussionen in Indien zeigen beispielsweise, dass der Weltreservewährungsstatus des US-Dollars vielerorts – auch in TV-Programmen – mittlerweile auf eine sehr kontroverse Weise diskutiert wird. Es stellt sich die Frage, wie lange Nationen im globalen Süden und im Osten unserer Welt noch bereit dazu sein werden, die mit dem US-Dollar-System zunehmenden Risiken mitzutragen.

Dass es im Fall Russlands nun erstmals zu einer solchen Aktionsweise gegenüber einem G20-Staat gekommen ist, dürfte den Rest der Welt wachgerüttelt haben.

Ist das Vertrauen in das Finanzsystem überhaupt noch gerechtfertigt?

Die aktuellen Ereignisse und deren Auswirkungen werden vor allem von China mit Argusaugen beobachtet. Welchen finanz- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen und Sanktionen sich die Vereinigten Staaten und deren westliche Verbündete – einschließlich Japans – nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine bedient haben, wird exakt in Peking beobachtet.

Indem sich westliche Regierungen ihres schärfsten Sanktionsschwerts bedient haben, indem die russische Zentralbank selbst sanktioniert und deren Zugriff auf ausländischen Bankkonten vorgehaltene Währungsreserven in Höhe von rund 600 Milliarden Euro verweigert und diese Mittel praktisch über Nacht eingefroren wurden, hat international für Aufsehen gesorgt und weitreichende Diskussionen darüber angestoßen, ob das Vertrauen in das bestehende Finanz- und Bankensystem überhaupt noch gerechtfertigt ist. 

Mehr und mehr stellt sich die Frage, weshalb Nationen und deren Notenbanken überhaupt noch ausländische Währungsreserven aufbauen und vorhalten sollen. Denn just zu jenem Zeitpunkt, zu dem diese Reserven aus Perspektive der Moskauer Regierung am dringendsten gebraucht würden, kommt es zu diesen Sanktionen.

Finanz- und Wirtschaftskrieg gegen Russland

Dass es bislang nicht zu einem vollständigen Rubel-Kollaps gekommen ist, mag dafür sprechen, dass die Moskauer Regierung und die russische Notenbank inzwischen Mittel und Wege gefunden haben, um einige der Sanktionen des Westens zu umgehen oder sich deren prognostizierten Auswirkungen zu entziehen.

Die Wirtschaft der Russischen Föderation sieht sich momentan sehr hart durch diese Sanktionen getroffen. Doch mittlerweile führen die Aktionen des Westens, die mit einem mit allen Bandagen geführten Finanz- und Wirtschaftskrieg gleichzusetzen sind, zu einem Umdenken sowohl unter großen Vermögensverwaltern als auch einer Reihe von Zentralbanken.

Hierauf wurde jüngst zum Beispiel in einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters eingegangen. Jene alles dominierende Frage, um die sich die aktuellen Debatten drehten, ließe sich demnach auf ein und denselben Aspekt zurückführen: Wo soll eine Nation ihre nationalen Kapitalreserven in der Zukunft überhaupt noch veranlagen?

Zwar beläuft sich der Anteil des US-Dollars in Relation zu den global vorgehaltenen Währungsreserven noch immer auf rund sechszig Prozent. Allerdings sinkt dieser Anteil im Angesicht einer anhaltenden De-Dollarisierung nun bereits seit vielen Jahren. Nicht von ungefähr hatte Russland seine einst gehaltenen Positionen in amerikanischen Staatsanleihen über den Verlauf der letzten Jahre fast vollständig abgebaut.   

Trotzdem sieht sich die russische Notenbank zurzeit nicht dazu in der Lage, auf mehr als die Hälfte der russischen Währungsreserven, die auf Basis des US-Dollars, des Euros oder des japanischen Yens gehalten werden, zuzugreifen.

Aus China hieß es offiziell, sich den westlichen Sanktionen gegen die Russische Föderation nicht anschließen zu wollen. Auf eine ähnliche Weise verhält es sich, wie eingangs erwähnt, auch unter Bezugnahme auf den Subkontinent Indien. Russlands Regierung steht nach dem militärischen Einmarsch in die Ukraine also keineswegs isoliert auf der Weltbühne.

Hierauf deutet auch ein nach wie vor intaktes Verhältnis zwischen der Russischen Föderation und Saudi-Arabien, welche zusammen in der Organisation der OPEC+ eine große Dominanz an den Weltrohölmärkten ausüben, hin.

Wenn die chinesischen Finanz- und Kapitalmärkte auch noch immer nicht in einem ausreichenden Maße liberalisiert wurden, um die heimische Währung Yuan / Renminbi als alternative Anlagewährung zum US-Dollar weltweit interessanter zu machen, so stellt sich dennoch die Frage, ob die chinesische Währung – insbesondere unter Berücksichtigung des E-Yuans – nicht doch recht bald eine solche Rolle ausfüllen könnte.  

Sanktionen können zu einer grundlegenden Reform des Systems führen

Barry Eichengreen, Professor an der Universität Berkeley, warnt davor, dass die aktuellen Geschehnisse den Trend zu einer generellen Abnahme der durch Notenbanken gehaltenen Devisenreserven nach sich ziehen könnten.

Zukünftig wird es aus Perspektive einzelner Wirtschaftsräume wahrscheinlich verstärkt darum gehen, die eigenen Wechselkursraten durch eine Stabilisierung der heimischen Finanzsysteme zu stärken. Eine solche Entwicklung brächte zudem die Notwendigket mit sich, die jeweils zugrundeliegenden Wirtschaftsräume gegen externe Schocks und Turbulenzen bestmöglich abzuschirmen.

Resultat werde sein, so Eichengreen, dass Regierungen ihre heimischen Unternehmen in der Zukunft dazu anhalten werden, sich nicht mehr zu stark auf Basis von Fremdwährungen im Ausland zu verschulden. Die globalen Kapitalmärkte blickten allein aus diesem Grund einer enormen Veränderung ins Auge.

Allen voran Emerging Markets und Schwellenländer würden hiervon am meisten betroffen sein. Bei Goldman Sachs werden die Dinge aus einem recht ähnlichen Blickwinkel betrachtet. Dort gibt Jim O’Neill zu bedenken, dass die westlichen Sanktionen gegenüber Russland zu einer grundlegenden Reform des internationalen Systems führen könnten.

O´Neill teilt die Ansicht Eichengreens, wonach die allgemeine Nachfrage nach ausländischen Währungsreserven sowohl unter Zentralbanken als auch anderen institutionellen Investoren sehr wahrscheinlich sinken wird. Gleichzeitig würden die Überlegungen in den Emerging Markets zu einer stärkeren Deregulierung und Liberalisierung der eigenen Kapitalmärkte nun an Schwung gewinnen.

Denn, so O´Neill, stünde Überlegungen ab jetzt nichts mehr im Wege, sich von dem seit Ende des 2. Weltkrieges durch die USA dominierten Weltfinanzsystems abzuwenden.

Wohl eher Gold anstatt Kryptowährungen

Für einiges Aufsehen hatten jüngst getroffene Aussagen des einst im Dienst der New York Fed stehenden und heutigen Strategen der Credit Suisse Group, Zoltan Poszar, geführt. Danach habe die Reaktion des Westens auf den Einmarsch Russlands in der Ukraine eine ganze Reihe von Entwicklungen in Gang gesetzt, die letztendlich zu einem Ableben des US-Dollars als Weltreservewährung führen könnten.

In einem Interview gegenüber Bloomberg machte Zoltan Poszar darauf aufmerksam, dass die hiermit einhergehende Botschaft im Rest der Welt lautstark angekommen und entsprechend aufgenommen worden sei. Und diese Botschaft laute, sich keineswegs mehr auf eigens gebildete Währungsreserven verlassen zu können, geschweige denn überhaupt Zugriff auf diese Reserven im Fall eines Entstehens von Spannungen zu haben.

International aktive Geld- und Währungsmanager sind sich laut Zoltan Poszar schlagartig darüber bewusst geworden, dass es keinen Sinn mehr zu machen scheint, US-Dollars als globalen Fluchthafen zu nutzen, da diese für Notzeiten gebildeten Reserven auf US-Dollar-Basis zu eben jenem Zeitpunkt konfisziert werden könnten – und dies just zu einem Zeitpunkt, zu dem diese Reserven am dringendsten benötigt werden.

Bereits das Einfrieren der venezolanischen Goldvorräte durch die Bank of England hatte in der Vergangenheit Hinweise darauf geliefert, dass Notreserven am besten in eigenen Tresoren des jeweiligen Heimatlandes zu lagern sind.

Auch Zoltan Poszar zeigte sich überzeugt, dass der Prozess der De-Dollarisierung einen sich beschleunigenden Schub erleben wird. Gleichzeitig würden Zentralbanken dazu übergehen, ihre Währungsreserven primär an Orten zu veranlagen, wo weder die US-Regierung noch die Europäische Union einen Zugriff darauf haben werden.

All diese Entwicklungen werden, so Zoltan Poszar, wohl bereits in absehbarer Zeit in der Herausbildung einer neuen Weltwährungsordnung gipfeln.

Die internationale Vernetzung im Bankenwesen würde unter Berücksichtigung einer solchen Entwicklung zurückgehen. Wer die Dinge aus Perspektive der russischen Notenbank betrachte, könne damit rechnen, dass es ebenfalls schon in absehbarer Zeit zu einer Wiederankopplung von Fiat-Währungen an Gold kommen dürfte.

Auch und gerade aus Sicht des chinesischen Yuans / Renminbis könnte sich eine solche Vorgehensweise als ultraeffizient erweisen, so Zoltan Poszar abschließend. Mit einer solchen Entwicklung entstünde allerdings auch die Gefahr, dass private Goldinvestitionen, ähnlich wie in den 1930ger-Jahren in den USA, in Teilen der Welt erneut konfisziert werden könnten.

Überraschung durch Jerome Powell

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass ganz so, als ob Jerome Powell noch zusätzlich Öl in das bereits lodernde Feuer zu gießen gedachte, der Chef der Federal Reserve in der letzten Woche in einer Anhörung vor dem US-Kongress offen eingestanden hatte, dass es neben dem US-Dollar in der Zukunft auch eine Reihe von anderen Weltreservewährungen geben könnte.

Roman Baudzus ist Wirtschaftsinformatiker und beschäftigt sich seit mehr als fünfundzwanzig Jahren mit den Themen Börse, Finanzmärkte, Globalisierung und Geldwesen, auch als aktiver Investor. 2004 gründete er nach Stationen in den USA, Südamerika und Afrika sein eigenes Unternehmen und lebt heute auf dem afrikanischen Kontinent. Er schreibt für verschiedene Wirtschaftsseiten.



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