„Grüne Inflation“ – Bei jedem vierten Unternehmen geht es um die Existenz

Mittlerweile drohen die Energiepreise die deutsche Wirtschaft zu erdrücken. Jedes vierte Unternehmen in Deutschland sieht die Krise als Existenzbedrohung.
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Preistreiber in der Papierbranche: Staatlich gewollte Abgaben und Steuern.Foto: iStock
Von 26. Februar 2022

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Im Januar waren die Erzeugerpreise für gewerbliche Produkte um 25 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Es ist der höchste Anstieg seit Beginn der Datenerhebung 1949, teilte das Statistische Bundesamt mit.

Wer sich nun eine neue Küche, ein Sofa oder ein Bett kaufen möchte, wird künftig tiefer in die Tasche greifen müssen. Ebenso wie diejenigen, die gerade ein Haus bauen oder renovieren. Die Kosten steigen aufgrund deutlich gestiegener Herstellungskosten und Logistik. 

Spanplatten wurden 40 Prozent teurer

Die deutsche Möbelindustrie erwartet zunächst Preiserhöhungen im einstelligen Prozentbereich für Verbraucher, warnt der Geschäftsführer des Handelsverbands Möbel und Küchen, Christian Haeser. „Wenn die Warenknappheit und auch die Lieferschwierigkeiten andauern, dann kann es auch zu weiteren Preiserhöhungen kommen.“

Kürzlich ergab eine Branchenumfrage, dass die Produktion in 44 Prozent der Möbelfirmen wegen Materialknappheit eingeschränkt sei oder sich verzögerte. Die Lage bei Polsterschäumen und anderen Zulieferprodukten stabilisierte sich etwas, während sich die Engpässe bei Verpackungen und elektronischen Bauteilen verschärften. Holzwerkstoffe wie Spanplatten verteuerten sich im Dezember 2021 verglichen mit Dezember 2020 um 40,2 Prozent. 

Ein Ende bei Rohstoff-Kostenerhöhungen sieht der Geschäftsführer noch nicht gekommen. Dass solche Entwicklungen zu höheren Preisen gegenüber dem Handel führen, daran werde „kein Weg vorbeiführen“, betonte Jan Kurth, Geschäftsführer der Verbände der deutschen Möbelindustrie. Aufgrund der Materialpreise dürften sich preiswerte Discount-Waren prozentual stärker verteuern als hochwertige Designmöbel.

Das Toilettenpapier-Problem

Für 88 Prozent der deutschen Industrieunternehmen sind die steigenden Energiekosten eine existenzbedrohende oder starke Herausforderung. Acht von neun Unternehmen sind betroffen – weniger die Großkonzerne, sondern Familienunternehmen und mittelständische Betriebe, besagt eine Umfrage des Bundesverbandes der Deutschen Industrie Anfang Februar bei mehr als 400 Unternehmen.

Es sind Glashütten, metall- oder kunststoffverarbeitende Betriebe, Hersteller von Papier oder Düngemitteln. Bei jedem Vierten (23 Prozent) bedrohen die Stromkosten mittlerweile die Existenz, zwei von drei Firmen (65 Prozent) nennen es eine „starke Herausforderung“, die Energiekosten zu stemmen. 

Über zwei Drittel (68 Prozent) der Betriebe können die steigenden Energiepreise nicht oder nur kaum an Kunden oder Verbraucher weitergeben. Rund ein Drittel der Unternehmen wird dadurch gezwungen, Investitionen in die Transformation zur Klimaneutralität zurückzustellen.

Selbst die Verlagerung der Produktion oder Teile der Produktion ins Ausland steht zur Debatte. 20 Prozent wollen zeitnah Kapazitäten ins Ausland verlagern, 13 Prozent haben bereits damit begonnen. Sechs Prozent erwägen die gesamte Verlagerung des Unternehmens.

Ein Beispiel: Um 90 Millionen Euro verteuerte sich die Energierechnung des Arnsberger Unternehmens Wepa (NRW). Wepa stellt Toiletten- und anderes Hygienepapier her. Seit Mitte 2021 erhöhten sich die Energiepreise um 250 Prozent, zusätzlich stiegen die Kosten bei Rohstoffen und in der Logistik, sagt Unternehmenschef Martin Kringel der „RP-Online“. Bei anderen Unternehmen in der Papierbranche sieht es ähnlich aus.

Großkonzerne sind in geringerem Maß von den Preiserhöhungen betroffen. Sie können ihre Energieversorgung sehr langfristig sichern und andere Konditionen mit den Versorgern aushandeln. Viele energieintensive Produktionen sind von der EEG-Auflage befreit, um weiterhin auf dem Markt konkurrenzfähig zu sein.

„Grüne Inflation“ ist gewollt

Professor Dr. Fritz Vahrenholt, früherer Umweltsenator von Hamburg (SPD) und Chemiker, nennt die Probleme hausgemacht. Die „grüne Inflation“ sei gewollt und breche sich nun Bahn. Mittlerweile verteuere der Preis von 90 bis 100 Euro pro Tonne CO₂ die Produktion massiv – obendrauf käme jetzt die aktuelle Entwicklung in Russland. Er fordert im Gespräch mit der Epoch Times, Rückschau zu halten: „Wir sollten fragen, wie sind wir eigentlich in eine solche Situation hineingeraten?“

Seine Antwort: Der Doppelausstieg aus der Kernenergie und der heimischen Braunkohle hat zudem den Erdgasverbrauch in Gaskraftwerken ansteigen lassen. Teures Gas führt zu teurem Strom. Der grüne Doppelausstieg hat uns aber auch von Russland abhängig gemacht. 55 Prozent der Gasimporte stammen aus Russland. Russland sei nicht nur an den wichtigen Erdgasspeichern Deutschlands beteiligt. Dem russischen Mineralölkonzern Rosneft gehört seit November 2021 auch die Raffinerie in Schwedt. „Wenn Russland anfangen sollte, über die Pipeline Druschba kein Erdöl mehr zu liefern, dann fährt in Berlin auch kein Auto mehr“, kommentiert Vahrenholt. Das Unternehmen deckt zu rund 90 Prozent des gesamten Benzin-, Diesel-, Kerosin- und Heizölbedarfs im Nordosten Deutschlands.

Rosneft ist an drei der fünf größten Raffinerien in Deutschland beteiligt, darunter der MiRO in Karlsruhe (Mineralöl) sowie dem deutschen Gasnetz mit einer Länge von fast 4.200 Kilometern.

Dabei hat Deutschland selbst auch Erdgas. Die einheimische Erdgasförderung in Niedersachsen wurde seit Jahren zurückgefahren und eingestellt. Dort wurde mit einer Art Fracking gearbeitet. „Wir haben genug Fracking-Gas, um uns die nächsten 50 Jahre zu versorgen“, so der frühere Hamburger Umweltsenator. „In der ganzen niedersächsischen Tiefebene liegt wie in England und Polen Fracking-Gas bis zum Abwinken.“ Genutzt wird es aktuell nicht, auch Holland stellt seine Förderung ein.

Da Deutschland bereits die höchsten Energiepreise der Welt habe, treffen mögliche Sanktionen im Erdgas-Sektor die hiesige Wirtschaft zusätzlich. Preistreiber sind CO₂-Zertifikate und das Brennstoff-Emissionshandelsgesetz, auf die nicht nur Mittelständler noch zusätzlich Mehrwertsteuer zahlen müssen. Dazu Energiesteuern, Stromsteuern und andere Abgaben. „Haltet ein!“, möchte Professor Vahrenholt dem Staat zurufen. Die Regierung riskiert, dass sich Deutschland „vom produzierenden Gewerbe verabschiedet“.

Staatliche Belastungen schneller abbauen 

Ähnliches fordern die BDI-Unternehmen. Die staatlichen Belastungen des Strompreises, die bis 80 Prozent des Preises ausmachen, müssten schneller als geplant abgebaut werden. Die Bundesregierung sollte ihre Regelungen zur Erhöhung der CO₂-Bepreisung überdenken und mit Maßnahmen zur Entlastung von Unternehmen ergänzen. Eine zeitigere Abschaffung der EEG-Umlage könnte nicht ausreichen.

„Die Lage ist so ernst, dass selbst standorttreue mittelständische Unternehmen aus diversen Branchen über eine Verlagerung ins Ausland nachdenken müssen“, sagt Siegfried Russwurm, Präsident des BDI. Er warnt vor einer Situation wie in den 1970er-Jahren und dem Ölpreisschock, der damals die deutsche Wirtschaft in die Rezession trieb. „Die steigenden Strom- und Gaspreise drohen die Wirtschaft zu erdrücken.“

Am einfachsten wäre es, die eine oder andere der Abgaben auf Energie oder die Mehrwertsteuer, die auf Stromsteuer, Mineralölsteuer, CO₂-Abgabe etc. noch obendrauf kommt, zu senken oder abzuschaffen. Aktuelle Vorschläge der Parteien in Richtung Energiegeld, Heizkostenpauschale, Klimaprämie oder Ähnlichem tendieren allerdings dazu, neue Regulationen zu erschaffen, die ihrerseits viel Geld kosten, um den bürokratischen Aufwand zu bewältigen.

Der Artikel erschien zuerst in unserer Wochenendzeitung, Ausgabe 33 vom 25./26. Februar.



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