Nach Erdbeben: „Es fehlt an allem“ – Rebellen in Myanmar rufen Teil-Waffenruhe aus

Nach dem verheerenden Erdbeben in Myanmar haben gegen die Militärregierung des Landes kämpfende Rebellen eine zweiwöchige Teil-Waffenruhe verkündet.
Die oppositionelle Nationale Einheitsregierung erklärte am Sonntag, die sogenannten Volksstreitkräfte (PDF) würden in den von dem Erdbeben betroffenen Gebieten keine offensiven Militäreinsätze ausführen. Von der zweiwöchigen Teil-Waffenruhe seien „Aktionen zur Verteidigung“ ausgenommen.
Die aus dem Exil agierende Einheitsregierung erklärte weiter, sie werde in den von ihr kontrollierten Gebieten „mit der UNO und mit NGOs zusammenarbeiten, um Sicherheit, Transport und die Einrichtung von temporären Rettungscamps und medizinischen Lagern zu gewährleisten“.
Mindestens 1.600 Tote
Das südostasiatische Land war am Freitag von einem schweren Erdbeben der Stärke 7,7 verwüstet worden. Aus Land dringen nur wenige Informationen nach außen. Die in dem Bürgerkriegsland regierende Militärjunta bestätigte bislang 1.644 Tote. 3.400 Menschen erlitten Verletzungen.
Experten befürchten jedoch, dass weit mehr Menschen ums Leben gekommen sein könnten. Die Lage in dem Land ist dramatisch. Wie auf Fotos zu sehen ist, sind etliche Häuser in sich zusammengebrochen, Brücken eingestürzt und ein Krankenhaus im Bundesstaat Shan wurde völlig zerstört.
Laut „Myanmar Now“ brachte die Naturkatastrophe auch den Flugverkehrskontrollturm auf dem internationalen Flughafen der Hauptstadt Naypyitaw zum Einsturz. Dabei seien mindestens sechs Menschen ums Leben gekommen, berichtete die Nachrichtenseite unter Berufung auf eigene Quellen.
Das Land am Golf von Bengalen leidet seit vier Jahren unter einem Bürgerkrieg, der mit der Machtübernahme der Junta einsetzte. Das Militär hatte im Februar 2021 die mit großer Mehrheit gewählte Regierung von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi gestürzt und die Macht in Myanmar an sich gerissen.
Die Volksstreitkräfte der oppositionellen Nationalen Einheitsregierung und verschiedene ethnische Gruppen bekämpfen die Militärjunta.
Schuttberge in der Hauptstadt von Thailand
Rettungskräfte setzen die Such- und Bergungsarbeiten fort. In Thailands Hauptstadt Bangkok bargen die Helfer in den frühen Morgenstunden (Ortszeit) eine weitere Leiche aus den Trümmern eines eingestürzten Wolkenkratzers, wie die Zeitung „Khaosod“ berichtete.

Ein starkes Erdbeben der Stärke 7,7 erschütterte Myanmar und verursachte starke Erschütterungen, die auch im weit entfernten Bangkok zu spüren waren – und ein Hochhaus zum Einsturz brachten. Foto: Lauren DeCicca/Getty Images
In dem immensen Schuttberg des Hochhauses, das sich beim Einsturz noch im Bau befand und von China gebaut wird, werden weitere Menschen vermutet. Menschen haben sich dort versammelt und warten auf Nachrichten über ihre Angehörigen, von denen sie seit dem Unglück nichts mehr gehört haben.
Der Sender Thai PBS hatte am Samstag berichtet, dass bereits acht Tote geborgen worden seien. 46 Menschen werden immer noch vermisst. Die Helfer kämpfen gegen die Zeit. Mit Spürhunden suchen sie nach weiteren Überlebenden, am Vortag hatten sie Lebenszeichen unter den Trümmern vernommen.
Behörden untersuchen Einsturz
Das 30-stöckige Hochhaus im Rohbau war zusammengebrochen, als schwere Erdstöße mit Epizentrum in Myanmar am Freitag Südostasien erschütterten. Das kräftigste Beben ereignete sich nahe Mandalay, der zweitgrößten Stadt Myanmars, mit einer Stärke von 7,7.
Ein paar Minuten später folgte etwas südlich davon ein weiteres starkes Erbeben – das Geoforschungszentrum in Potsdam (GFZ) und die US-Erdbebenwarte (USGS) meldeten hier eine Stärke von 6,5 beziehungsweise 6,7. Es gab zahlreiche weitere Nachbeben. Auch in Teilen von China und Vietnam waren die großen Beben deutlich zu spüren.

Helfer in Bangkok suchten in den Trümmern eines Hochhauses nach Überlebenden. Foto: Sakchai Lalit/AP/dpa
Auch wenn das Beben das Hochhaus in Bangkok letztlich zum Einsturz brachte: Die thailändischen Behörden haben mittlerweile eine Untersuchung eingeleitet, um zu ermitteln, wie es so weit kommen konnte, wie die „Bangkok Post“ berichtete.
Demnach war das Bürogebäude ein Joint-Venture-Projekt der Italian-Thai Development Plc und einer Tochtergesellschaft der China Railway No.10 Engineering Group, die zum chinesischen Staatsbetrieb China Railway Engineering Corporation (CREC) gehört.
Hilfe aus dem Ausland
Besonders für Myanmar lief nach dem Beben Hilfe aus dem Ausland an. Aus Deutschland schickte der Hilfsdienst Malteser International ein Nothilfeteam in die betroffenen Gebiete.

Patienten aus vielen Krankenhäusern wurden in Bangkok schnell ins Freie transportiert. Foto: Sakchai Lalit/AP/dpa
Überall in Myanmars zweitgrößter Stadt sind Menschen in Flip-Flops und mit minimaler Schutzausrüstung damit beschäftigt, mit den Händen nach Verschütteten zu graben. Sie alle hoffen, auf ihrer Suche die Rufe von Überlebenden zu hören. „Es gibt viele Opfer in Wohnanlagen“, sagt einer der Helfer. „Vergangene Nacht wurden mehr als hundert herausgezogen.“
Unter den Trümmern des Gebäudes eines buddhistischen Klosters suchen am Sonntag einheimische und chinesische Einsatzkräfte nach Verschütteten. Von den mehr als 180 Mönchen, die sich dort zum Zeitpunkt des Bebens aufgehalten hatten, wurden bislang gut 20 gerettet und 13 tot geborgen.
Nicht nur durch den Mangel an Ausrüstung, auch durch Stromausfälle werden die Sucheinsätze erschwert. Schließlich brauchen die Einsatzkräfte Licht für ihre Suche. Viele Helfer sind erschöpft. „Wir sind hier seit letzter Nacht, wir haben keinen Schlaf bekommen“, sagt einer von ihnen am Samstag. „Es wird mehr Hilfe gebraucht.“
Eigentlich gebe es genügend Einsatzkräfte, führt er aus. „Aber wir haben nicht genügend Wagen. Wir transportieren die Leichen mit leichten Lieferwagen. Etwa zehn bis 20 Leichen in einem leichten Lieferwagen.“
Nicht Erdbeben töten, sondern einstürzende Bauten
Dass das Erdbeben in Myanmars kultureller Hauptstadt Mandalay derart verheerend wirkte, ist laut Ian Watkinson, Experte für Plattentektonik an der Londoner Holloway University, auch auf den dortigen Hochhaus-„Boom“ der vergangenen Jahre zurückzuführen.
„Das übliche Mantra lautet, dass nicht Erdbeben Menschen töten, sondern einstürzende Bauten“, bekräftigt Ilan Kelman, Katastrophenschutzexperte am University College London.
Militärjunta-Chef Min Aung Hlaing sah sich gezwungen, in einem ungewöhnlichen Schritt „jedes Land, jede Organisation“ um Unterstürzung zu bitten. In der Vergangenheit hatten es Militärregierungen in Myanmar selbst bei großen Naturkatastrophen abgelehnt, um internationale Hilfe zu bitten.
„Wir brauchen Hilfe“, bestätigt Thar Aye, der in Mandalay lebt. „Uns fehlt es an allem.“ Der 68-Jährige ist angesichts der Zerstörung völlig niedergeschlagen. „Ich bin so traurig, wenn ich diese tragische Lage sehe“, sagt er. „Ich habe so etwas noch nie erlebt.“
Hunderte Häuser in China beschädigt
In China, einem Nachbarstaat Myanmars und einer der wenigen Verbündeten des Bürgerkriegslandes, hatte das Erdbeben die südwestliche Provinz Yunnan mit am stärksten getroffen.
In der Stadt Ruili, die rund 300 Kilometer vom Epizentrum in Myanmar entfernt liegt, wurden laut Staatsmedien fast 850 Häuser beschädigt. Zwei Menschen wurden dort verletzt. Die Behörden prüften den Angaben zufolge nach dem Beben den Zustand von Wasserschutzprojekten und Strom-Anlagen.
China entsandte nach Angaben staatlicher Medien mehrere Teams des Katastrophenschutzes mit Spezialgeräten nach Myanmar. Auch die thailändische Regierung teilte mit, trotz eigener Betroffenheit Spezialteams nach Myanmar geschickt zu haben, die Such- und Rettungsarbeiten und bei der Erfassung von Schäden unterstützen sollen.
Auch Myanmars im Westen angrenzendes Nachbarland Indien schickte erste Hilfsgüter. Ein Flugzeug der indischen Luftstreitkräfte sei mit einer 15 Tonnen schweren Ladung mit Hilfsmaterialien wie etwa Zelte, Decken, Generatoren und Arzneien in der Stadt Yangon gelandet, teilte das Außenministerium in Neu-Delhi.
Begleitet wurde die Lieferung demnach von einer Gruppe von Such- und Rettungskräften sowie von einem medizinischen Team.
Am Samstag und Sonntag versetzen mehrere Nachbeben die Menschen in Mandalay erneut in Angst. Wegen eines Bebens der Stärke 5,1 werden die Rettungseinsätze kurzzeitig ausgesetzt. (dpa/red)
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