„Geheimnisse von Geweihten“ – Zeit für Enthüllungen

130 Jahre nach der Erstveröffentlichung von Theodor Fontanes „Effi Briest“ schlummern die Geheimnisse des mittlerweile zur Weltliteratur gehörenden Romans immer noch im Theodor Fontane Archiv.
Titelbild
Ostseedüne, dessen Szenerie laut Fontane für das literarische Kessin in „Effi Briest“ Pate stand.Foto: Janny2/iStock
Von 14. Februar 2025

Die Rezeption eines der bedeutsamsten deutschsprachigen Romane, Theodor Fontanes „Effi Briest“, ist wahrlich kein Ruhmesblatt für unsere „Leitkultur“. Über den Automatismus der Wahrnehmung ist das lesende Publikum, sind aber auch die professionellen Hilfestellungen bislang kaum hinausgekommen, von den verschiedenen Verfilmungen verlangt das erst gar niemand.

Die Diskrepanz zwischen kultureller Wertschätzung und analytischer Erschließung ist freilich kein Sonderfall. Nicht selten ist das Unbewusste wissender als das Bewusstsein. Literarische Qualität besteht unter anderem darin, die anthropologische Spannung zwischen den Instanzen aufrechtzuerhalten.

Das beginnt bereits mit dem ominösen „vollen Schatten“, in dem der Fliesengang des Herrenhauses im mittäglichen hellen Sonnenschein liegt. Es ist nicht oder nicht nur der Schatten der Zukunft, der auf Mutter und Tochter fällt, sondern vor allem der Schatten der Vergangenheit. Die Familie Briest beziehungsweise die mütterliche Vorgeschichte der Luise Briest, geborene Belling, umgibt ein Familiengeheimnis.

Nichts bleibt ohne Folgen

Die bildhübsche Effi in dem blau und weiß gestreiften, halb kittelartigen Leinwandkleid ist noch ein halbes Kind, als der achtunddreißig Jahre alte ehemalige Verehrer der Mutter, Landrat und Baron Geert von Instetten, um ihre Hand anhält.

Effi hat ihre drei Gespielinnen über die Familiensaga ins Bild gesetzt: Baron Instetten, Soldat bei den Rathenowern, sei in die Mama verliebt gewesen, aber „es kam wie’s kommen musste, wie’s immer kommt. Er war ja noch viel zu jung, und als mein Papa sich einfand, der schon Ritterschaftsrat war und Hohen Cremmen hatte, da war kein langes Besinnen mehr, und sie nahm ihn und wurde Frau von Briest … Und das andere, was sonst noch kam … das andere bin ich.“

Wann genau das Kind Effi kam, erfahren wir nicht, ihr Geburtstag ist irgendwann im August. Begangen wird er im gesamten Roman nicht, das ist der oben genannten „Verschattung“, zuzuschreiben. Wenn Effi sich vor ihrem Geburtstag verlobt, was aufgrund der angedeuteten Daten anzunehmen ist, dann ist sie zum Zeitpunkt der Verlobung sechzehn Jahre alt, nicht siebzehn, wie allgemein angenommen wird.

Der Unterschied ist freilich nicht gravierend. Gravierender ist, dass das Ehepaar Briest keine Hochzeitsreise machen durfte. Vater Belling war dagegen. Nicht ohne eine gewisse Pikanterie zieht Briest seine Frau anlässlich von Effis Hochzeitsvorbereitungen damit auf, dass man die unterbliebene Hochzeitsreise „an Ostern nach achtzehn Jahren“ nachholen und „nachexerzieren“ könne.

Jemand anderes hat also „vorexerziert“. Effi wäre zum Zeitpunkt der nachgeholten Hochzeitsreise gut siebzehn Jahre alt gewesen, ihre Mutter Luise war daher bei der eigenen Heirat etwa im vierten Monat schwanger. Nicht von Briest, versteht sich. Bezeichnenderweise verzichtet selbiger anlässlich der Verlobung im Zusammenhang wohlerworbener Eigentümlichkeiten im Hinblick auf „intimere Namen und Titel für den Hausverkehr“ auf den „Ehrentitel Papa“.

Ein Kuckuckskind

Mehr als ein Jahrhundert brauchte es, bis ein findiger Literaturwissenschaftler den leiblichen Papa im Zentrum des Gravitationsfeldes des „realistischen Gesellschaftsromans“ aufspürte. Michael Masanetz machte im Jahr 2001 in seinem Aufsatz „Vom Leben und Sterben des Königskindes“ darauf aufmerksam, dass schon das am Polterabend vor Effis Hochzeit aufgeführte Käthchen von Heilbronn von der illegitimen Tochter eines Kaisers handelt.

Ausdrücklich assoziiert Briest das Stück mit der eigenen Familie, als er sich über das „hoher Herr und immer wieder hoher Herr“ echauffiert, Instetten sei schließlich kein verkappter Hohenzoller, „es gäbe ja dergleichen“, aber auf Instetten träfe das nicht zu. Briest weiß vermutlich, wer da vorexerziert hat.

Wohin man auch blickt, zwischen oder auch in den Zeilen, immer wieder trifft man in Fontanes Roman auf die Hohenzollern. Vielleicht sind die Antennen der Rezeption bislang zu sehr auf „Realismus“ ausgerichtet, um das zu registrieren.

„Mythologie war immer mein Bestes“, erklärt Effi der ihr willkürlich entfremdeten Tochter Anni, gleichsam ein Wink mit dem Zaunpfahl. Fontanes fiktionale Mythologisierung der Hohenzollern stellt indes nur eine Ableitung eines allgemeineren Mythos als Keimzelle des Romans dar.

Wenn der Baron seiner frisch Angetrauten im neuen Heim charmant eröffnet, wenn er stürbe, nähme er sie am liebsten mit, dann ist das mitnichten die Andeutung der späteren Affäre und Eifersucht Instettens, wie die Lektürehilfe „EinFach Deutsch“ meint. Denn wie der Hintergangene später selbst sagen wird, ist er ohne jedes Gefühl von Hass oder gar von Durst nach Rache. Fontane installiert das Mythologem der Todeshochzeit.

Mit hermeneutischer Biederkeit ist der literarischen Raffinesse dieses Autors nicht beizukommen. Beispielweise beim Spuk, nach Selbstauskunft des Autors einer der Drehpunkte des Romans. Es ist die erste Nacht, die Effi allein verbringt.

Bei einsamer Lektüre stößt sie ausgerechnet auf die „Geschichte der Weißen Frau“. Was sie weiter von sich gibt, sollte wegen der kognitiven Dissonanz mit dem Gespräch am nächsten Morgen aufhorchen lassen. Effi bekennt, dass sie sich vor der Weißen Frau gefürchtet habe, solange sie denken kann.

Instetten erwidert auf die Beschwerde über den nächtlichen Spuk lakonisch, Spuk sei ein Vorzug wie Stammbaum und dergleichen, und er kenne Familien, die sich ebenso gern ihr Wappen nehmen ließen als ihre ‚Weiße Frau‘, die natürlich auch eine schwarze sein könne.

Allerdings hatte Effi die Weiße Frau, den Hausspuk der Hohenzollern, gegenüber Instetten gar nicht erwähnt. Ihre Replik: „Gott sei Dank haben wir Briests keinen Spuk“, zwingt unter dem Einschluss der zuvor gefallenen Prämisse zur Schlussfolgerung, dass sie eben keine Briest ist.

Wenn Liebe und Aufrichtigkeit fehlen

Damit erhält der Roman zu der ihm hinlänglich attestierten psychologischen Präzision und Tiefe eine Substruktur, die Briests beständige Rede vom „weiten Feld“ in alle möglichen Richtungen öffnet. Beispielsweise dahingehend, dass Instettens narzisstische Kränkung, die das Duell erforderlich macht, nicht seine erste dieser Art ist.

Andererseits kommt die frühere Kränkung beziehungsweise deren Produkt Effi einer geheimen Mitgift gleich, die die ganze Romankonstellation überhaupt erst erklärt: Altersunterschied, Wert einer illegitimen Hohenzollernprinzessin für den gesellschaftlichen und beruflichen Aufstieg Instettens, diverse Charaktereigenschaften des „Königskindes“ und insbesondere das Damoklesschwert des Wiederholungsfalles, das über dem Baron schwebt und schließlich auf ihn fällt.

Instettens Freund und Kollege Wüllersdorf empfiehlt am Ende dem im Innern zerstörten Karrieristen, sich in Resignation zu üben, das Berliner Luisendenkmal aufzusuchen, wenn es in Blumen steht und die Potsdamer Friedenskirche, wo Kaiser Friedrich liegt, und das Leben „von dem“ in Potsdam zu bedenken: „Wenn Sie dann nicht beruhigt sind, dann ist Ihnen freilich nicht zu helfen.“

Es gehe eben überhaupt nicht ohne Hilfskonstruktionen, Hilfskonstruktionen auch im Hinblick auf Interpretation. Effis leiblicher Vater ist, so Masanetz, der damalige Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen.

Langer Weg der Rezeption von Forschungsergebnissen

Am 11. Februar 1896, knapp ein Jahr nach dem Erscheinen des Schlusses der „Effi Briest“ in der „Deutschen Rundschau“, schreibt Fontane an den Schriftstellerkollegen Friedrich Spielhagen und bedankt sich für die „überaus freundlichen Worte über Effi Briest.“ Nur hatte sich der Kollege überhaupt nicht dazu geäußert.

Es stellte sich heraus, dass beide denselben Stoff verarbeitet hatten, Spielhagen in seinem Roman „Zum Zeitvertreib“, was Fontane zu einer aufschlussreichen Mitteilung unter dem Siegel der Verschwiegenheit veranlasst: „Der Brief war schon im Couvert, aber ich nehme ihn noch einmal hinaus, um noch folgendes hinzuzufügen, was keinen Menschen interessieren kann, aber einen Romankonfrater, meiner Meinung nach, interessieren muss. Die ganze Geschichte ist eine Ehebruchgeschichte wie hundert andere mehr und hätte, als Frau L. davon erzählte, weiter keinen großen Eindruck auf mich gemacht, wenn nicht (vergleiche das kurze 2. Kapitel) die Szene beziehungsweise die Worte ‚Effi komm‘ darin vorgekommen wären. Das Auftauchen der Mädchen an den mit Wein überwachsenen Fenstern, die Rotköpfe, der Zuruf und dann das Niederducken und Verschwinden machten einen solchen Eindruck auf mich, dass aus dieser Szene die ganze lange Geschichte entstanden ist. Aus dieser einen Szene können auch Baron A. und die Dame erkennen, dass ihre Geschichte den Stoff gab.“

Spielhagen antwortet zwei Tage später: „Dass eine Ihnen mitgeteilte Szene die Keimzelle zu Ihrer ganzen Geschichte wurde, ist mir keineswegs überraschend, aber ein interessanter Beitrag zu dem geheimnisvollen Kapitel der Genesis von Dichtungen. – So konnten Sie sich freilich leichter von der Erdenschwere der Wirklichkeit befreien, die meinem Roman, fürchte ich, anhaftet. – Und nicht wahr, wir beiden alten Auguren behalten unsere Geheimnisse schweigend für uns, wie es den Geweihten ziemt.“

„Hulda, Hertha und Bertha. Hypostasen einer Göttin“ titelt Masanetz einen Abschnitt seiner Analyse aus dem Jahr 2001, die das Theodor-Fontane-Archiv dankenswerterweise online zur Verfügung stellte – so gut wie ohne Folgen.

Fontanes und Spielhagens Geheimniskrämerei haben immer noch Bestand.

Über den Autor:

Christian Milz (Jahrgang 1952) ist Lehrer und Literaturwissenschaftler. Sein erstes Buch erschien 2012 zum Woyzeck-Fragment von Georg Büchner im Passagen Verlag. Milz geht mit Schiller davon aus, dass Literatur – wie Kunst generell – ein eigenes Paradigma zugrunde liegt, das die gegenwärtige akademische wie außerakademische Kultur in der Angleichung an den wissenschaftlichen methodischen Atheismus aus den Augen verloren hat.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers oder des Interviewpartners dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.



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