„Mickey 17“: Sinnbild der heutigen Zeit

In seinem neuen Film überzeugt Filmemacher Bong Joon Ho mit brillanten Argumenten, dem Natürlichen den Vorrang gegenüber künstlichen Laborprodukten zu geben.
Titelbild
Robert Pattinson als Mickey 17.Foto: Courtesy of Warner Bros. Pictures
Von 29. März 2025

Nachdem der südkoreanische Autor und Regisseur Bong Joon Ho fast zwei Jahrzehnte lang in aller Stille einen von der Kritik hochgelobten Film nach dem anderen gedreht hatte, landete er mit „Parasite“ endlich einen Volltreffer an den Kinokassen – vielfache Auszeichnungen obendrein.

Mit vier Oscars ist der Film „Parasite“ der erste und bis heute einzige nicht englischsprachige Film, der den Preis für den besten Film erhielt. Mit einem Budget von 11,4 Millionen US-Dollar (circa 10,5 Millionen Euro) spielte er weltweit knapp 262 Millionen US-Dollar (circa 241 Millionen Euro) ein.

Fünf Jahre nach „Parasite“ ist Bongs heiß erwarteter Nachfolger „Mickey 17“ endlich da. Und das lange Warten hat sich gelohnt. Der neue Film, der von Bong nach dem Roman „Mickey7“ von Edward Ashton aus dem Jahr 2022 adaptiert wurde, unterscheidet sich praktisch in jeglicher Hinsicht von „Parasite“.

Für diejenigen, die bereits mit anderen Titeln aus Bongs früherem Schaffen vertraut sind („The Host“, „Snowpiercer“ und „Okja“), ist „Mickey 17“ eine willkommene Rückkehr zu den Science-Fiction-Themen, die sein Frühwerk prägten.

Mickey der Entbehrliche

Die Geschichte spielt im Jahr 2056. Die Verantwortlichen auf der Erde versuchen, einen Planeten namens Niflheim – ja, Niflheim – zu kolonisieren. Mickey (Robert Pattinson) und sein Schönwetter-Freund Timo (Steven Yeun) besitzen ein Unternehmen, das vor dem Ruin steht. Um der Zahlung eines Kredithais zu entgehen, schließen sie sich einer Crew an, die nach Niflheim fliegt.

Da Timo der Klügere von beiden ist, meldet er sich als Pilot. Der etwas dümmliche Mickey bewirbt sich als „Entbehrlicher“, ohne genau zu wissen, was das bedeutet. Er wird von zwei Beamten gefragt, ob er sich sicher ist, was er da tut, und der weitgehend ahnungslose und überglückliche Mickey stimmt zu.

Ein Entbehrlicher ist de facto ein Kanarienvogel in einer Kohlengrube, eine menschliche Laborratte, die unbekannten, möglicherweise toxischen Eigenschaften ausgesetzt wird. Sie dienen der Herstellung von Impfstoffen oder werden auf gefährliche Missionen geschickt, bei denen sie den sicheren Tod finden werden.

Der Haken

Wenn die Entbehrlichen sterben, werden sie recycelt und mit einem 3D-Drucker reproduziert. Ihre Erinnerungen werden in das Gehirn eines neuen Körpers heruntergeladen. Dieser Körper wird dann auf eine weitere Mission geschickt. Streng genommen sind sie nicht geklont, aber die Absicht ist die gleiche.

Nach seinem 16. Einsatz lernt der frischgebackene Mickey 17 die Mitreisende Nasha (Naomi Ackie), eine Sicherheitsbeamtin, kennen. Ihre sofortige Anziehungskraft führt zu einer intensiven Romanze, die den ganzen Film über anhält, wenn auch mit der einen oder anderen brenzligen Situation.

Nachdem Mickey 17 für tot erklärt wurde, wird Mickey 18 gedruckt; wie sich jedoch herausstellt, hat 17 überlebt. Dies ist der Hilfe der „Creepers“ zu verdanken, einer Ethnie von Wesen, die den Nachkommen von Gürteltieren und der Titelfigur aus der „Alien“-Reihe ähneln.

Als Mickey 17 bei einem Einsatz überlebt, obwohl bereits Version 18 produziert wurde, kommt es zur Krise. Foto: Courtesy of Warner Bros. Pictures

Der große Haken an der Sache ist, dass auf Niflheim jeweils nur eine Version desselben Menschen existieren darf; dadurch sind sowohl 17 als auch 18 in Gefahr, endgültig ausgelöscht zu werden.

Sozialismus und Soßen

Die Aufsicht über dieses Unternehmen haben der hässliche Sozialist Kenneth Marshall (Mark Ruffalo) und seine herrschsüchtige Frau Ylfa (Toni Collette). Ylfa ist eine Frau, die davon besessen ist, bizarre Lebensmittelsoßen zu kreieren. Beide werden sofort als böse und unsympathisch dargestellt. Eine weniger grobe Zeichnung der Charaktere mit mehr Subtilität und Fingerspitzengefühl von Bong hätte den Figuren rückblickend gutgetan.

Bong, der für seine gesellschaftskritischen Untertöne bekannt ist, kommentiert in „Mickey 17“ Themen wie genetische Manipulation, technologische Hybris und die ethischen Grenzen von Nationenbildung – wirkt dabei aber nicht schrill. Man könnte auch hinzufügen: Nur weil man es tun kann, heißt das nicht, dass man es tun sollte.

Bong hat die Handlung von Ashtons Buch in weiten Teilen verändert, was Ashton vor Beginn der Dreharbeiten wusste und genehmigte. Dies ist eine seit Langem gängige Praxis in der Filmproduktion. Bong veränderte dabei jedoch nicht die Kernaussagen, sondern nahm sich einfach die Freiheit, den Film nach seiner Art zu gestalten.

Robert Pattinson überzeugt auf ganzer Linie

Während seiner gesamten Karriere hat Pattinson sein Bestes gegeben, um nicht als oberflächlicher Schönling abgestempelt zu werden. Und meiner Meinung nach hat er dies mit Erfolg geschafft. Pattinson ist vor allem für seine vierjährige Rolle in der „Twilight“-Reihe bekannt.

Er nahm auch anspruchsvolle Arthouse-Projekte in Angriff („Cosmopolis“, „Little Ashes – Kunst. Liebe. Verrat“, „Wasser für die Elefanten“), die seine Popularität als Teenie mit düsteren, weit weniger kommerziell erfolgreichen Produktionen kompensieren sollten.

In den folgenden fünf Jahren löste sich Pattinson, ähnlich wie seine „Twilight“-Kollegin Kristen Stewart, vollständig von seiner „Twilight“-Persona. Der glitzernde Vampir gehörte nun vollständig der Vergangenheit an.

Mit „The Batman“ (und der noch zu produzierenden Fortsetzung) hat sich Pattinson als Actionstar etabliert. Das hat ihm noch mehr künstlerischen Spielraum verschafft, den er mit „Mickey 17“ voll ausschöpft.

Regisseur Bong Joon Ho und Schauspieler Robert Pattinson bei der südkoreanischen Premiere von „Mickey 17“ am 28. Februar 2025. Foto: Courtesy of Warner Bros. Pictures

Die Zusammenarbeit von Pattinson und Bong ergibt zum jetzigen Zeitpunkt ein perfektes cineastisches Duo. Ersterer ist auf der Suche nach dem schwer fassbaren schmalen Grat zwischen Kunst und Kommerz. Letzterer versucht, einen Nachfolger für einen größtenteils unerwarteten kritischen und gleichzeitig kommerziellen Hit abzuliefern, ohne sich zu wiederholen und damit seine alte sowie die neu gewonnene Fangemeinde zufriedenzustellen.

Der Film läuft derzeit in den deutschen Kinos. Seine Deutschlandpremiere feierte er bei der Berlinale 2025.

Foto: Courtesy of Warner Bros. Pictures

Mickey 17“
Regie: Bong Joon Ho
Besetzung: Robert Pattinson, Naomi Ackie, Toni Collette, Steven Yeun
Laufzeit: 2 Stunden, 17 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12
Bewertung: 4 1⁄2 Sterne von 5

 

Zuerst erschienen auf theepochtimes.com unter dem Titel „‚Mickey 17’: A Parable for Our Current Times“ (deutsche Bearbeitung sza)



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